Ewiger Streitfall Homöopathie? Die Zeichen stehen auf Rätsels Lösung

Recht hat, wer heilt

Samuel Hahnemanns Taschenapotheke: Sie dient zur Herstellung hochverdünnter Arzneien, die in der Regel kein Molekül mehr enthalten

Es sind Fälle wie der vom kleinen Felix: Man muss sie erlebt haben. Andernfalls hält man sie für Ammenmärchen, nicht gerade geeignet, die Seriosität des Erzählers und seiner Profession zu untermauern. Der Arzt Georg Lück kann Geschichten dieser Art erzählen. Etwa die vom Neugeborenen, das seine Eltern in den ersten Monaten mit wiederholtem Atemstillstand in Schrecken versetzte. "Nicht selten bei kleinen Kindern. Die Ursache ist unklar."

Georg Lück, Homöopath und Internist in Düsseldorf, verabreichte dem Jungen einen Opiumauszug in kaum messbarer Verdünnung ("darüber lacht jeder Schulmediziner") und wartete ab. Bis heute: Die Atemaussetzer traten nie mehr auf. Inzwischen ist Felix zwölf Jahre.
Ein Wunder? "Homöopathie kann bei sauberer Anwendung viel bewirken. Mit Wundern hat das nichts zu tun", entgegnet Lück. Nur, was ist Homöopathie? Was kann sie, wo liegen ihre Grenzen? Vor allem: Wie lässt sich der rätselhafte Erfolg dieser Heilmethode erklären, die der Meißener Arzt und Apotheker Samuel Hahnemann Ende des 18. Jahrhunderts ersann?
Wachsender Zuspruch von Patienten, vielfache Heilerfahrungen von Ärzten und Heilpraktikern - alles nur Einbildung, Aberglauben und Geschäftemacherei?


Zentrale Methoden der Homöopathie sind Individualität und Ganzheitlichkeit. Der Homöopath behandelt nicht Magenschmerzen schlechthin, sondern die Beschwerden des kranken Individuums. Eine umfangreiche Anamnese (Ermittlung der Vorgeschichte des Kranken) grenzt diese Beschwerden schrittweise ein und gleicht damit einem riesigen Fragenkatalog, der auch scheinbar Banales mit zu erfassen versucht: Essen Sie lieber Saures oder Salziges?
Aus dem Puzzle der Antworten erfolgt die Bestimmung der homöopathischen Arznei. Hierzu bedient sich der Arzt des so genannten Repertoriums: Das ist ein Verzeichnis tausender homöopathischer Präparate, denen bestimmte Krankheitsbilder zugeordnet sind.

"Ein komplizierter Weg, der viel Erfahrung verlangt", beschreibt die Allgemeinärztin Gisela Steinhoff aus Höxter das Verfahren. Ergebnis ist eine ganz individuelle Verschreibung: Magenbeschwerden sind bei jedem anders.

Bei welchen Krankheiten kann Homöopathie helfen? "In den meisten Fällen der allgemeinärztlichen und internistischen Praxis", sagt Georg Lück. Also bei der Akutmedizin - vom grippalen Infekt bis zur Lungenentzündung - und bei chronischen Erkrankungen: Asthma, Allergien, Migräne, Rheuma. Die Grenzen liegen dort, wo Chirurgie und Intentensivmedizin gefragt sind. Und: Der Organismus muss zu einer Reaktion überhaupt in der Lage sein. Gegen Gelenkverschleiß hat auch die Homöopathie keine Chance, wohl aber gegen den einhergehenden Schmerz.

Heilung oder Selbstheilung? Viele Wissenschaftler schmähen die Erfolge der Homöopathie als Placebo-Effekt oder Selbstheilung. Dabei argumentieren sie, dass die Wirkprinzipien bis heute nicht zweifelsfrei dargelegt sind. Unbestritten ist, dass die "sprechende Medizin" einen hohen Stellenwert in der Homöopathie hat: das Gespräch, die Wahrnehmung des Patienten in seiner Ganzheit und Individualität. Diese Zuwendung kann die Heilung durchaus beflügeln.

Entscheidend schon bei Hahnemann sind aber die potenzierten Arzneimittel: Wirkstoffe, die auf spezielle Weise schrittweise verdünnt und verschüttelt werden. Die Verdünnung (Potenzierung) kann, bildlich gesprochen, den Auflösungsgrad einer Tablette im Ozean erreichen. Der Wirkstoff soll so zwar abgeschwächt, zugleich aber nachhaltiger in den Organismus geschleust werden. Homöopathin Steinhoff: "Die Feinstofflichkeit der hochverdünnten Substanzen ist in ihrer Wirkung fürwahr nur schwer zu verstehen. Die Wirkung ist aber wissenschaftlich längt erwiesen."

Und zwar erst kürzlich durch die groß angelegte Studie einer Forschergruppe der Universität Brüssel, berichtet die Zeitschrift New Scientist. Das Pikante dran: Eigentlich sollte diese Studie gerade die Ungültigkeit des homöopathischen Lehrsatzes beweisen, wonach Ähnliches durch Ähnliches geheilt wird.

Walter Köster, Homöopathie-Experte in Frankfurt/Main und Professor an der Universität Sevilla, geht einen Schritt weiter: Ermutigt von Atomforscher Carl F. von Weizsäcker konzentriert er sich darauf, die Homöopathie im Licht der Quantenmechanik zu untersuchen. "Wer die Theorie des Verhaltens von Elementarteilchen versteht, kommt der Wirkweise der Homöopathie nahe."
Der Streitfall Homöopathie ist wohl noch lange nicht ausgefochten: Bis dahin gilt die alte Ärzte-Weisheit: Recht hat, wer heilt. bär








Homöopath
Dr. med. Georg Lück

Verdünnt und verschüttelt -
Prinzipien der Homöopathie

Samuel Hahnemann, Begründer der klassischen Homöopathie. Am Anfang stand ein Selbstversuch: Mehrere Tage hinweg schluckte Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) Chinarinden-Extrakt. Prompt überfielen ihn Herzklopfen, Fieber und Angstattacken. Sofort erkannte der experimentierfreudige Doktor typische Malariasymptome: Jahre zuvor hatte er selbst daran gelitten und sich mit Chinarinde kuriert. Seine Erkenntnisse aus dem Selbstversuch führten Hahnemann zur Formulierung seines berühmten

Ähnlichkeitprinzips:
Eine Arznei, die beim gesunden Menschen eine bestimmte Krankheit hervorruft, ist imstande, auch einen daran Erkrankten zu kurieren: Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen ("Similia similibus curantur"), dieses Gesetz steht am Anfang der Homöopathie.

Ganzheitsprinzip:
Nicht das einzelne Organ, sondern der ganze Organismus steht im Mittelpunkt der Homöopathie. Eine Krankheit ist Symptom für das gestörte Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele.

Potenzierung:
Homöopathische Arznei beruht auf pflanzlichen (z. B. Tollkirsche), tierischen (z. B. Schlangengift) und mineralischen Wirkstoffen (z. B. Calcium-Carbonicum). Ein spezielles Herstellungsverfahren, das Potenzieren, bestimmt die Wirkung: Dabei wird der Arzneistoff mit einem Alkohol-Wasser-Gemisch verdünnt und verschüttelt. D-Potenzen sind Dezimalpotenzen im Verdünnungsverhältnis von 1:10, Q-Potenzen im Verhältnis 1:50000. Wegen der geringen Substanzmenge sind schwere Nebenwirkungen fast unmöglich.


Mehr Infos:
Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte
Am Hofgarten 5 in 53113 Bonn,
Tel. 0228/2425330
Im Internet: www.dzvhae.de

Bundespatientenverband Homöopathie (BPH)
Burgstraße 20 in 37181 Hardegsen
Telefon 05505/1070
Im Internet: www.bph.de



Verdünnt und verschüttelt - Prinzipien der Homöopathie
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